„Faru“ Leseprobe

Hey,

demnächst findet bei Oetinger 34 ein Voting statt. Ich melde mich mit meinem Fantasy-Roman „Faru“ an.

Hier ist schon mal eine Leseprobe:

Der Wald
Faru ließ die Beine von der niedrigen Mauer baumeln und schloss die Augen. Nach einem langen Arbeitstag auf dem Feld genoss er die warme Frühlingssonne auf seiner Haut und den Wind in seinem Gesicht. Der Duft von Erde und Gras drang in seine Nase, zusammen mit dem Geruch naher Herdfeuer. Er öffnete die Augen wieder und betrachtete den Wald, der sich hinter den Häusern des kleinen Dorfes erstreckte. Die Blätter der Bäume waren hellgrün wie in jedem Frühjahr, aber so sahen sie auch im Sommer und Herbst aus. Außerdem fielen sie im Winter nicht von den Ästen.
»Drückst du dich schon wieder vor der Arbeit?«, fragte Keren hinter ihm. Faru runzelte die Stirn und wandte sich um. »Das sagt der Richtige.« Keren zuckte nur mit den Schultern und strich sich das wirre blonde Haar aus dem glatt rasierten Gesicht. »Arilon wollte auch herkommen.«
Faru nickte. Er blickte abermals zu den Bäumen hinüber.
Keren grinste. »Willst du hineingehen?«
Faru sah ihn verständnislos an. »Hineingehen?«
»In den Wald.« Faru zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Sein Blick fiel auf den Feldweg, der zum Dorf führte. »Arilon kommt.« Ein dunkelhaariger junger Mann hetzte den Pfad hinauf, als seien die Waldbewohner persönlich hinter ihm her. Er kam schlitternd vor Faru zum Stehen. »Da bin ich.«
»Ja, das sehen wir.« Keren ließ sich auf der Mauer nieder und Arilon setzte sich neben ihn.
Faru blinzelte zum Wald hinüber. »Ich wüsste schon gerne, was da drin geschehen ist.«
»Geschehen?« Keren runzelte die Stirn.
»Mit all den Leuten, die angeblich verschwunden sind.«
»Der Fluch hat sie erwischt«, erklärte Arilon bestimmt.
»Der Fluch.« Faru lachte. »Das glaubst du doch selbst nicht.«
»Aber dein Vater sagt-«
»Ja, er redet immer davon, dass der Wald verflucht ist.« Faru blinzelte. Die Sonne stand nun tief hinter den Bäumen und einige Strahlen schienen ihm direkt in die Augen. »Flüche existieren nicht.«
»Aber aus irgendeinem Grund sind sie nicht zurückgekommen. Etwas muss sie davon abgehalten haben«, warf Keren ein.
Arilon nickte. »Monster.«
»Oder Räuber.« Keren grinste.
»Menschenfressende Bäume.«
»Geister.«
Faru lachte. »Natürlich. Dadrin lebt ein riesiger Drache, der jeden Menschen, der hineingeht, zu einem Häuflein Asche verbrennt.«
»Genau.« Arilon nickte.
Faru verdrehte die Augen. »Dann hätte der längst den halben Wald abgefackelt.« Er strich sich die glatten braunen Haare zurück, die der Wind ihm immer wieder ins Gesicht wehte.
»Vielleicht kann er kein Feuer speien«, beharrte Arilon.
»Oder es ist in Wirklichkeit noch nie jemand in den Wald gegangen«, sagte Faru.
»Und die Geschichten?«
Faru zuckte mit den Schultern. »Weißt du von jemandem, der im Wald verschwunden ist? Aus Larion jedenfalls niemand.«
»Ich war schon einmal dort.« Keren ignorierte die überraschten Blicke, die ihm seine Freunde zuwarfen. Er lehnte sich auf der Mauer zurück, sodass er nur noch das Gleichgewicht halten konnte, indem er sich mit den Händen festhielt.
»Natürlich.« Faru schnaubte. Als ob er Keren auch nur ein Wort glauben würde. »Angesehen hab ich mir den Wald auch schon.«
Keren schüttelte den Kopf. »Ich habe einen der Baumstämme berührt.«
»Und was ist dann passiert?« Arilon beugte sich gespannt vor.
»Er ist vor Angst schreiend weggelaufen«, stellte Faru trocken fest.
Keren warf ihm einen düsteren Blick zu. »Dann hat mein Vater mich erwischt.«
Faru lachte. »Was für ein Abenteuer.«
Keren setzte sich auf. »Das musst du mir erst einmal nachmachen. Du hast doch viel zu viel Angst, um überhaupt in die Nähe der Bäume zu gehen.«
»Ach ja?« Faru starrte ihn wütend an. »Es gibt in dem ganzen Wald gar nichts, wovor man sich fürchten muss. Keine Monster oder Räuber oder Geister oder sonst irgendwas. Es ist nur ein Wald, in dem sich ein paar Idioten verirrt haben und über den mehr Ammenmärchen erzählt werden als über Drachen und Heinzelmännchen.«
»Das kannst du nicht wissen«, wandte Arilon ein. »Vielleicht ist der Wald wirklich bewohnt oder verflucht. Guckt euch nur die Blätter an, die sind selbst im Winter grün.«
Faru zuckte mit den Schultern. »Ist vielleicht eine seltene Baumart oder so.«
»Auf jeden Fall ist er verboten.«
»Dass du nicht dorthin willst, hab ich mir fast gedacht.« Keren verdrehte die Augen. »Aber Faru wird auch nicht gehen. Insgeheim fürchtet er sich viel zu sehr vor den Monstern.« Er kreuzte herausfordernd die Arme vor der Brust.
Faru schnaubte und stand auf. »Ich gehe. Und ich werde nicht nur die Baumstämme anfassen. Ich betrete den Wald!«
Keren und Arilon sprangen ebenfalls von der Mauer. Faru marschierte los, ohne die beiden noch eines Blickes zu würdigen.
»Warte«, rief Arilon und hastige Schritte näherten sich Faru. »Das ist keine gute Idee.«
»Unsinn.« Keren lachte. »Komm schon. Das müssen wir uns ansehen.«

Die hellgrünen Blätter raschelten leise im Wind und das Sonnenlicht, das zwischen ihnen hindurch auf den weichen Boden fiel, ließ den Wald seltsam unschuldig wirken. Er sah so viel einladender aus, als alle anderen Wälder, die Faru kannte. Er streckte die Hand aus und berührte den Stamm eines Baumes. Die Rinde war rau unter seinen Fingern, nicht anders, als gewöhnliche Baumrinde. Natürlich nicht. Er drehte sich zu Keren um und grinste. »Das ist ja wohl gar nichts. Nur ein Baum.«
Arilon hielt sich ein Stück von ihnen entfernt und beobachtete sie mit gerunzelter Stirn, sagte aber nichts mehr zu Farus Vorhaben.
Keren verschränkte die Arme vor der Brust. »Hast du nicht gesagt, dass du hineingehen willst?«
»Und ob!« Faru dachte an die Monster, von denen seine Freunde gesprochen hatten und an die Menschen, die im Wald verschwunden waren, doch dann schüttelte er den Kopf. Das war völliger Unsinn. Märchen für kleine Kinder.
Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht und er trat einen Schritt vor, sodass er direkt zwischen den Bäumen stand. Er kannte niemanden, der sich hier hereingewagt hatte. Nicht einmal Keren. Er würde der Erste sein, der den Wald betrat. Faru ging weiter, bis die ersten Bäume hinter ihm zurückblieben. Er hörte nur noch das Zwitschern der Vögel und das Rascheln der Blätter. Die entfernten Geräusche des Dorfes waren verstummt. Er hatte es doch gewusst. Natürlich war dieser Wald nicht gefährlich.
Faru hatte getan, was niemand je vor ihm getan hatte. Jetzt konnte er allen beweisen, dass ihre Geschichten nicht mehr waren als Schauermärchen, die jemand erfunden hatte, um kleine Kinder zu erschrecken. Er war mutiger und klüger als die anderen Dorfbewohner. Der Einzige, der sich in den verfluchten Wald wagte. Faru der Abenteurer. Selbst Keren würde das zugeben müssen. Er drehte sich mit einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen um.
Keren und Arilon waren jedoch nicht zu sehen. Vor ihm lag eine endlose Fläche aus Baumstämmen. Das Dorf war verschwunden und seine Freunde mit ihm. Von hier aus müsste Faru es doch sehen können! Und die Wiesen, die zwischen Larion und dem Wald lagen. Aber da waren nur Bäume. Faru war nur zwei oder drei Schritte in den Wald gegangen. Wie konnte das Dorf so plötzlich verschwinden?
Er ging zurück in die Richtung, aus der er gekommen war, doch weder der Waldrand noch seine Freunde tauchten auf. »Das ist nicht witzig!«, rief er, aber trotz seiner Worte wusste er bereits, dass dies kein Streich war, den ihm seine Freunde spielten. Sie konnten sich vielleicht verstecken, aber ganz Larion verschwinden lassen konnten sie nicht.
Faru drehte sich im Kreis, wohin er sich auch wandte, sah er nichts als Bäume. Sein Herz klopfte wild und er rannte los, zurück in die Richtung, in der das Dorf liegen musste, aber nur Blätter und Baumstämme zogen an ihm vorbei. Er hielt einen Augenblick an und schnappte verzweifelt nach Luft. Doch er gönnte sich keine Zeit zum Rasten, sondern lief weiter, so schnell wie möglich. Irgendwo musste Larion doch sein! Ein ganzes Dorf konnte nicht einfach verschwinden.
Endlich blieb Faru stehen und ließ sich erschöpft auf den Boden sinken. Er rang nach Luft und versuchte sich zu beruhigen, aber er hatte das Gefühl, durch Watte zu atmen. Eins musste er sich eingestehen. Hier war kein Dorf. Vielleicht lief er nur in die falsche Richtung. Wenn er umkehrte, fand er bestimmt nach Hause. Er musste weitersuchen, sobald er wieder zu Atem gekommen war.
Die Luft hatte sich merklich abgekühlt und dichter Nebel waberte zwischen den Bäumen.
Faru wusste nicht, wie lange er gerannt war, aber konnte es schon so spät sein? An was für einen Ort war er nur geraten?
Er musste so schnell wie möglich nach Hause. Seine Mutter würde sich Sorgen machen, weil er ohne Erklärung das Abendessen verpasst hatte. Und was sein Vater tun würde, wenn er erfuhr, dass Faru den verbotenen Wald betreten hatte, mochte er sich gar nicht erst vorstellen. Er wollte mit dem Beweis zurückkehren, dass dieser Ort ungefährlich war. Stattdessen hatte er sich verlaufen. Aber warum? Es war unmöglich, dass er das Dorf aus den Augen verloren hatte. Vielleicht waren einige Geschichten über den Wald doch wahr, vielleicht kam nie jemand zurück, weil sie sich alle verirrten. »Verdammt!« Tränen drohten in Faru hochzusteigen, aber er schluckte sie hinunter. Er musste ruhig bleiben und nachdenken.
»Das kannst du laut sagen«, ertönte eine Stimme aus dem Nebel.
»Was?« Faru blickte sich entsetzt um, doch außer den dichter werdenden Schwaden konnte er nichts erkennen. »Wer ist da?« War das einer der menschenfressenden Waldbewohner? Faru sprang auf, aber er wusste nicht, wohin er laufen sollte. Die Stimme erklang aus allen Richtungen zugleich und der Nebel war jetzt so dicht, dass er überhaupt nichts sehen konnte. Farus Abenteuerlust war mittlerweile völlig verschwunden. Aber wenn weglaufen unmöglich war, konnte er genauso gut um Hilfe bitten. Er versuchte, nicht an die Flüche und Monster zu denken, von denen Arilon immer sprach. »Ich suche den Weg nach Hause.«
»Nun, das kannst du vergessen«, meldete sich die Stimme aus allen Richtungen zugleich. Es war eine angenehme Stimme. Nicht sonderlich tief, aber Faru war trotzdem sicher, dass der Sprecher ein Mann sein musste.
Der Nebel vor Farus Gesicht verdichtete sich noch mehr, während er an den Seiten immer dünner wurde, gleichzeitig erwärmte die Luft sich merklich. Die Worte drangen nur langsam in Farus Gedanken. »Wieso vergessen? Es wird doch wohl einen Weg aus diesem Wald geben«, fauchte er. Körperlose Stimmen mochten zwar angsteinflößend sein, aber deswegen hatten sie noch lange nicht das Recht, sich über ihn lustig zu machen.
Der gesamte Nebel hatte sich mittlerweile in einer kleinen Wolke gesammelt, die über Farus Kopf schwebte. »Nun, im Westen liegt ein Gebirge und im Süden die große Wüste. Aber in der Richtung, in die du gelaufen bist, befinden sich nur Wald und ein paar Seen – von denen du dich übrigens fernhalten solltest – bis du irgendwann zur Küste kommst. Einen Weg nach draußen, gibt es dort jedoch nicht«, erklärte die Wolke.
Faru starrte sie an. »So groß kann der Wald doch gar nicht sein. Es kommen Händler von der anderen Seite um ihn herum bis nach Larion.«
Die Wolke seufzte genervt. »Natürlich nicht. Was bringen sie euch dort drüben überhaupt bei? Von deiner Welt aus erscheint der Wald kleiner, als er in Wirklichkeit ist. Ihr könnt nur den Teil sehen, in dem die Pfade liegen.«
»Aber wenn es einen Eingang in diesem Waldstück gibt, muss ich doch auch wieder herauskommen!« Faru schrie fast. Er wünschte sich nichts sehnlicher als diesen Ort, der ihn zuvor so fasziniert hatte, zu verlassen. Er wünschte es sich so sehr, dass es ihn nicht einmal wunderte, dass er mit einer Wolke sprach.
»Ein Eingang, kein Ausgang. Das heißt nur, dass hier ein Weg hineinführt«, erklärte die Wolke gelassen. »Wenn ich so darüber nachdenke, existieren davon im Moment sogar ziemlich viele. Früher führte nur ein einziger Weg in eurem gesamten Waldstück hierher, durch den alle paar Jahrzehnte ein Idiot hereingestolpert ist, der dann nicht wieder zurückgefunden hat. Aber jetzt besteht es fast nur aus Wegen. Das bedeutet allerdings nicht, dass du einfach umdrehen und zurück in die Außenwelt gehen kannst.«
»Also, da wo ich herkomme, führt jeder Weg irgendwohin und auch wieder zurück«, stellte Faru sarkastisch fest.
Die Wolke wirkte überrascht. »Wirklich? Du lebst in einer seltsamen Welt. Hier gibt es viele Wege, die nur in eine Richtung führen.« Sie sank ein wenig tiefer, bis sie direkt vor Farus Gesicht schwebte.
»Meinst du das ernst?« Faru richtete sich wütend auf. »Du willst dich doch nur über mich lustig machen. Es muss einen Weg geben!« Er versuchte, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken.
»Ich kannte mal einen Weg zurück«, erklärte die Wolke sorglos. »Ist noch gar nicht so lange her, aber als ich vor ein paar Tagen daran vorbei kam, war er verschwunden.«
»Wie kann ein Weg denn einfach verschwinden?«, fragte Faru, diesmal ein wenig spöttisch. Er würde diesen Unsinn bestimmt nicht glauben.
»Keine Ahnung.« Die Wolke pfiff leise. »Normalerweise passiert sowas nicht.«
Andererseits war es Faru nicht gelungen, zurück nach Hause zu finden, obwohl er nur ein paar Schritte in den Wald hineingegangen war. So sehr er versuchte, sich davon zu überzeugen, dass er sich einfach nur verirrt hatte, so unwahrscheinlich erschien es ihm. Selbst die Erklärung der Wolke machte mehr Sinn. Resigniert ließ er den Kopf hängen.
Die Wolke schwebte dichter an sein Gesicht heran. »Natürlich weiß ich auch nicht alles.«
Faru hatte das Gefühl, dass sie ihn nur trösten wollte, nickte aber trotzdem.
Die Wolke umkreiste Faru plötzlich, als versuchte sie, ihn näher in Augenschein nehmen. Er glaubte sogar, ein leises, schnüffelndes Geräusch aus ihrem Inneren zu vernehmen, doch das war vermutlich nur Einbildung. »Du siehst ziemlich seltsam aus. Du bist ein Mensch oder?«, fragte sie, offenbar ohne sich im Klaren zu sein, wie unhöflich das klang.
Faru musste fast gegen seinen Willen lachen. »Ich soll komisch aussehen? Und das muss ich mir von einer sprechenden Wolke anhören?«
»Wolke?« Die Wolke hatte ihre Runde beendet und schwebte nun vor Farus Nase. Sie schnaubte entrüstet. »Ich bin doch keine Wolke!«
Faru sah sie überrascht an. »Ach nein?«
»Nein!« Auf der Wolke erschien ein kleines Wesen, nicht größer als Farus Kopf, mit heller Haut und grauen Augen. Trotz seines noch jungen Gesichtes war sein Haar schneeweiß. Es trug eine Weste und weite Pluderhosen. »Ich bin Ilvorin, der Nebelelf«, stellte es sich mit einer schwungvollen Verbeugung mitten in der Luft vor, bevor es sich im Schneidersitz auf der Wolke niederließ.
Faru starrte das Männchen an. »Was bitte?«
Der kleine Mann runzelte die Stirn. »Was starrst du denn so?«, fragte er unwirsch. »Starren ist unhöflich. Hast du noch nie einen Nebelelfen gesehen?«
Faru schüttelte nur stumm den Kopf. »Nicht?« Ilvorin beugte sich vor. »Na, in dem Fall sei dir verziehen.« Er schwebte samt seiner Wolke ein Stück näher. »Gibt es da, wo du herkommst, keine Nebelelfen?«
»Nein.«
»Wie traurig. Dann habt ihr wohl auch keinen Nebel?«
»Doch natürlich.«
»Und woher kommt der?«
»Ich weiß nicht.« Faru zuckte mit den Schultern. »Von ganz allein, vermute ich.«
»Papperlapapp, von ganz allein! Nebel kommt niemals von ganz allein«, entrüstete sich Ilvorin. »Um Nebel zu machen, braucht man Nebelelfen. Ohne uns kann er nicht existieren! In deiner Heimat muss es Nebelelfen geben!«
Faru runzelte die Stirn. »Ich hab noch keinen gesehen.« Plötzlich lächelte er. »Aber du kennst auch keinen funktionierenden Weg aus diesem Wald und es muss einen geben.«
Ilvorin verdrehte die Augen und seufzte nur.
Faru stand auf. Ilvorin hatte gesagt, dass es früher Wege gegeben hatte, also mussten sie jetzt auch noch da sein. Wege verschwanden nicht einfach. Vielleicht waren sie nur überwuchert von all dem Dickicht in diesem Wald.
Der Nebelelf machte es sich auf seiner Wolke bequem. »Und was hast du jetzt vor?«
»Den Weg nach draußen finden natürlich!«
»Ah ja.« Der Elf klang noch immer skeptisch. Seine Wolke schwebte ein wenig höher. »Du kannst gerne danach suchen. Aber ich kenne die meisten Wege und die sind im Moment allesamt zu.«
»Irgendetwas muss es geben!« Faru atmete tief durch. Sein Entschluss gab ihm neue Kraft. Er wischte sich Erde und vertrocknete Blätter von der Hose und sah die Wolke an, die immer höher stieg. »Ich gehe jetzt!«
»Wohin?«, drang Ilvorins Stimme von oben herab, gefolgt von einem Gähnen.
»Nach Hause!«
»Dann geh doch.« Der Nebelelf winkte ihm zu. »Ich wünsch dir viel Spaß. Komm vorbei, wenn du mal in der Gegend bist. Falls ich noch hier bin, kannst du mir ja von deiner Suche erzählen.« Die Wolke schwebte höher hinauf, bis sie die Baumkronen passierte und aus Farus Blickfeld verschwand.
»Blöde Wolke«, knurrte Faru, dem es beinahe leid tat, dass Ilvorin fort war. Zumindest kannte sich der Nebelelf in diesem seltsamen Wald aus. Faru wusste nicht einmal, in welche Richtung er sich wenden sollte.
Er schüttelte den Kopf und marschierte los. Es war egal, wohin er ging. Dass er nicht auf demselben Weg nach Hause zurückkehren konnte, auf dem er hergekommen war, hatte er langsam erkannt, aber jeder Wald, sei er auch noch so groß, hatte ein Ende. Wenn er immer geradeaus weiterging, musste er irgendwann den Rand erreichen. Faru ging, bis seine Füße müde wurden und sein Magen so laut knurrte, dass es vermutlich im ganzen Wald zu hören war. Endlich ließ er sich auf einem dicken Moospolster nieder und seufzte schwermütig. Er wünschte, es wäre alles nur ein Traum. Doch dafür fühlte es sich viel zu wirklich an. In seinen Träumen konnte er zwar mit Wolken sprechen, aber Hunger war ein Gefühl, unter dem man nur im Wachzustand litt.
Einen Moment überlegte Faru, wie groß dieser Wald sein mochte. Wie lange musste er laufen, um sein Ende zu erreichen? Tage? Wochen? Er hatte von Wäldern gehört, die so weitläufig waren, dass man nie mehr hinaus fand. Vielleicht galt das auch für diesen. Ilvorin sagte, in dieser Richtung gebe es nichts als Wald, aber vielleicht hatte er den Rand einfach noch nicht erreicht. Was wusste ein kleiner Nebelelf denn von der Größe mancher Dinge?

Hattinger Förderpreis – die Dritte

Dies ist ein Auszug aus der Geschichte, mit der ich gewonnen habe.

Beta

»Elisabeta?«
Sie blieb stehen. Es war ihr Name, auch wenn sie ihn hasste. Er war so hübsch und elegant und damenhaft. Als wäre sie eine Frau auf einem alten Gemälde mit Hochsteckfrisur und Rüschenkleid. Sie war nur Beta. Wie die Testversion.
»Was hast du?« Jenny stand neben ihr und sah sie so neugierig an, als wäre sie ein ungewöhnliches Experiment im Reagenzglas.
»Eins.« Beta zuckte mit den Schultern, als hätte sie überhaupt nichts dafür getan.
Jenny verdrehte die Augen. »War ja klar.« Sie wandte sich um, stapfte zu ihren Freundinnen hinüber und murmelte etwas, das wie »ach so perfekt« klang. Die anderen Mädchen kicherten. Vermutlich war es das, was alle über Beta dachten. Dabei war sie so weit von perfekt entfernt, wie man es nur sein konnte.
Beta atmete tief durch, ließ die kalte Dezemberluft in ihr Inneres strömen und es in Eis verwandeln. Sie zuckte mit den Schultern, drehte sich um und machte sich auf den Heimweg. Was die anderen dachten, war nicht von Bedeutung, sie tat es nicht für sie.
Beta schlenderte nur langsam die Straßen entlang. Es war eisig hier draußen. Ihre Finger wurden bereits steif vor Kälte und sie hatte das Gefühl, dass ihre Gelenke jedes Mal knirschten, wenn sie die Hände bewegte. Trotzdem ließ sie sich Zeit. Es war still und für einen Moment hatte sie das Gefühl, sie könnte sich umdrehen und einfach fortgehen. Weit fort von hier. Wohin auch immer sie wollte.
Dann schob sie diese Gedanken beiseite, so wie jedes Mal, beschleunigte ihre Schritte und blieb vor einem blassgelb gestrichenen Haus stehen. Die helle Farbe konnte auch nichts daran ändern, dass es nur ein hässlicher Klotz war. Einzig das Dach gefiel ihr, es war dunkel und schräg, wie ein Dach zu sein hatte.
Beta stieg langsam die Treppe hinauf in den dritten Stock und schloss die Wohnungstür auf. Sie warf einen Blick in die Küche. Das Geschirr war gespült. Ein guter Tag also. Beta betrat das Wohnzimmer. Ihre Mutter stand im Jogginganzug am Fenster und starrte hinaus, obwohl es dort nichts zu sehen gab, als blassgelbe Häuser und grauen Himmel.
»Hallo, ich bin zurück.«
Ihre Mutter nickte nur.
Beta unterdrückte ein Seufzen und ging in ihr Zimmer hinüber. Sie ließ ihre Schultasche auf das Bett fallen und zog ihr Bioheft hervor. Dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und reichte es ihrer Mutter. »Hier.«
Ihre Mutter betrachtete es einen Moment, schlug es dann auf und blätterte darin, bis sie die letzte Klausur gefunden hatte. »Eine Eins.«
Beta nickte und ihre Mutter lächelte, als ob es immer noch eine Überraschung wäre. »Wie viele Einsen gab es?«
»Eine, wie üblich.«
»Du bist klug, Elisabeta. So klug wie dein Vater«, flüsterte ihre Mutter. »Aus dir wird eines Tages etwas Anständiges werden.«
Beta hatte ganz sicher nicht vor, so zu werden wie ihr Vater. Trotzdem lächelte und nickte sie wie jedes Mal und klammerte sich an die Kälte in ihrem Inneren. Sie konnte nicht zulassen, dass ihre Gefühle sie beherrschten.
»Ich mache etwas zu essen. Geh du ruhig in dein Zimmer und lern.« Ihre Mutter warf Beta noch ein Lächeln zu. Dreifaches Lächeln für eine Eins, kein schlechtes Ergebnis. Das Kochen war der Bonus. Ein guter Tag.
Beta kehrte in ihr Zimmer zurück. Sie öffnete ihr Dachfenster und zuckte zusammen, als ihr eine Welle eiskalter Luft entgegenschlug. Sie schob ihren Schreibtischstuhl unter das Fenster, kletterte hinauf und zwängte sich durch die schmale Öffnung. Ein kalter Wind blies in ihr Gesicht. Aber daran war sie gewöhnt. Vorsichtig zog sie sich ein Stück weiter hoch und setzte sich knapp unter dem Dachfirst auf die Schindeln. Sie stützte das Kinn auf die Knie und starrte zum Boden hinunter. Hier oben war sie endlich frei. Nicht mehr lächeln und nicken, keine Menschen, in deren Gegenwart sie sich nur noch einsamer fühlte. Einige wenige Minuten, in denen es egal war, wie sie aussah oder was sie tat und in denen sie nicht so tun musste, als würde ihr das alles überhaupt nichts ausmachen. Beta kratzte gedankenverloren mit den Fingernägeln über die Schindeln. Das schiefe Quietschen verursachte ihr eine Gänsehaut, trotzdem konnte sie nicht aufhören. Dann ließ sie sich durch das Fenster in ihr Zimmer gleiten und stellte sich dem Tag mit einem Lächeln auf den Lippen, das nicht ihr eigenes war.

Hattinger Förderpreis für junge Literatur

Hey, tolle Neuigkeiten. Ich bin für die öffentliche Lesung des Hattinger Förderpreises für junge Literatur eingeladen!
Die Lesung findet am 20.09.2015 statt.
Für alle die mehr über den Förderpreis wissen wollen: https://www.hattingen.de/stadt_hattingen/Bildung%20und%20Kultur/Stadtmuseum/Veranstaltungen/Hattinger%20F%C3%B6rderpreis%20f%C3%BCr%20Junge%20Literatur/